25 Jahre Tschernobyl – Der Tag an dem die Atomenergie ihr wahres Gesicht zeigte

Der explodierte Reaktor 4 in Tschernobyl samt Sarkophag

Vor 25 Jahren, am 26. April 1986 um 1:23 Uhr explodierte Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der UdSSR (heute Ukraine). Innerhalb von Minuten wurden Tonnen unzähliger radioaktiver Stoffe freigesetzt, in den nächsten Tagen breitete sich eine radioaktive Wolke über ganz Westeuropa aus. Es war der erste GAU in der Geschichte der “friedlichen” Nutzung der Atomkraft. Das Unglück ereignete sich während eines nächtlichen Tests, als Ursache werden menschliches und sicherheitstechnisches Versagen angegeben. Noch heute leiden Hunderttausende an den Folgen der Reaktorexplosion.

Die Sowjetunion informiert ihre eigenen Bürger und die restliche Welt nicht über das Geschehene. Die Bewohner der nahe am Kraftwerk liegenden Kleinstadt Prypiat erfahren erst 36 Stunden nach der Explosion von den Ursachen der Explosion, und zwar als die gesamte Stadt zwangsevakuiert wird. In Schweden werden am 28. April erstmals erhöhte radioaktive Werte gemessen. Erst auf Nachfrage geben die Russen die Explosion in Tschernobyl zu, Schweden informiert umgehend die westlichen Nationen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die radioaktive Wolke bereits über Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark und einen Teil Norddeutschlands ausgebreitet.

Die Sowjetunion selber richtete zwar umgehend eine 30km große Sperrzone um den Reaktor ein, ihre Bevölkerung informierte sie aber erst am 15. Mai offiziell über das Vorgefallene. Nachdem der Brand im Reaktorkern weitgehend unter Kontrolle gebracht wurde, begann man mit ersten Gegenmaßnahmen, die aber erst recht deutlich machten, wie unvorbereitet die sowjetische Regierung auf den Ernstfall war. Nachdem die Roboter, die das Dach des Reaktors vom atomaren Müll reinigen sollten, aufgrund der starken Strahlung versagten, setze man Menschen, sog. Liquidatoren, für diese Arbeit ein.

Viele Dörfer der Sperrzone wurden dem Erdboden gleichgemacht, sämtliche einheimischen Tiere erlegt. Der Reaktor selber wurde, nachdem man über 300,000 m³ Erde aus der Umgebung abgetragen und mit Beton versiegelt hatte, unter einen gigantischen Stahl- und Betonmantel versteckt, welcher heute unter dem Namen Sarkophag bekannt ist. Die restlichen (noch funktionstüchtigen) Reaktoren wurden nach relativ kurzer Zeit wieder in Betrieb genommen, erst im Jahr 2000 wurde der letzte aufgrund internationalen Drucks stillgelegt.

Hundertausende starben an den Spätfolgen

Die direkten Folgen für die Bevölkerung waren zwar mit ca. 50 Todesopfern gering, allerdings starben an den Spätfolgen mehr als 100.000 Menschen, allein 25.000 von ihnen waren Liquidatoren. Die extreme Strahlung wirkte sich auch auf die Nachkommen der Bevölkerung der Sperrzone aus. Unzählige Neugeborene kamen mit körperlichen Fehlbildungen auf die Welt, viele andere starben bereits im jungen Alter an Krebs. Über die tatsächlichen Todeszahlen ist die Welt aber immer noch im Unklaren, da es schwer fällt eine Grenze zwischen Spätfolgen und anderen “normalen” Krankheiten zu ziehen. Die russische Akademie der Wissenschaften geht aber von mindestens 200.000 Toten aus. Greenpeace geht hingegen von weit mehr Toten aus.

Havarierter Reaktor in Fukushima

Nach Fukushima denkt die Welt anders

Zu einem Umdenken der internationalen Gemeinschaft führten diese Ereignisse nicht. Man schob die Schuld auf die mangelhaften sowjetischen Reaktoren, dies könne mit deutschen oder anderen Reaktoren niemals passieren. Doch 25 Jahre später, im vergangenen März, wurden sie eines besseren belehrt. Im Norden Japans kam es zu einem heftigen Erdbeben, gefolgt von einem gigantischen Tsunami. Zu viel für ein Atomkraftwerk in Fukushima. In mehreren Reaktoren des Kraftwerks kam es zu einer teilweisen Kernschmelze, Unmengen radioaktiver Strahlung wurden freigesetzt, die Regierung richtete eine 20km große Sperrzone um das Kraftwerk ein.

Erst als es offensichtlich war, dass selbst die Japaner, die Gebäude bauen die selbst den stärksten Erdbeben trotzen können und als eine der fortschrittlichsten Nationen der Welt gelten, die Atomkraft nicht 100% unter Kontrolle bringen können, begann man international umzudenken. In Deutschland knickten die Regierungsparteien, die über Jahrzehnte für die Atomkraft standen, spektakulär ein und verkündeten das sog. Atom-Moratorium, mit dem die ältesten Kernkraftwerke Deutschlands umgehend abgeschaltet wurden. Inzwischen nehmen alle Parteien Abstand zur Atomkraft. Die Partei der Grünen, die bereits seit ihrer Gründung Anfang der 80er Jahre gegen Atomkraft eintritt, erlebte einen historischen Aufschwung. Von einer Laufzeitverlängerung für die alten Atomkraftwerke ist keine Rede mehr.

Man kann also sagen, dass die Welt 25 Jahre nach Tschernobyl dazugelernt hat. Auch wenn unzählige Nationen noch immer an der Atomkraft festhalten (China plant in naher Zukunft ca. 100 AKW zu errichten), so ist die allgemeine Stimmung endlich gegen die Atomkraft umgeschwungen. Die Welt hat durch die beiden Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima endlich erkannt, dass die Atomkraft weder 100% sicher, noch 100% kontrollierbar ist. Traurig daran ist nur, dass erst so viele Menschen sterben mussten, bis man zu dieser Erkenntnis gelangte.

Der Yeti