Al Dschasira: Die Abschaltung der Stimme Arabiens

Der Sender ging ihm schon lange auf die Nerven: Schon immer hat sich Mubarak an der kritischen Berichterstattung des katarischen Senders Al Dschasira gestört, der sich nie dne Mund verbieten lassen wollte. Und nun hat der die anhaltenden Proteste in Ägypten genutzt, um ihn endlich zum Schweigen zu bringen. Aber kann man die Wahrheit so leicht abschalten?

Wie war das nochmal gleich? Die Proteste und Demonstrationen in Ägypten seien nur aufgrund der existierenden Presse- und Meinungsfreiheit möglich gewesen? Dumm nur, dass dieser hübschen Theorie von (Noch)Präsident Hosni Mubarak eines widerspricht: die gestern angeordnete und vollzogene Abschaltung des kritischen Senders Al-Dschasira (Al Jazeera), der sehr ausführlich über die Proteste berichtet hat.

Nachdem der gemeinsame Sender des arabischen BBCs und der Mediengesellschaft Orbit 1996 aufgrund von Zensurforderungen der saudischen Regierung den Betrieb einstellen musste, war Al-Dschasira geboren. Nur einige Wochen später begann der katarische Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani mit der Gründung des kritischen Senders, der bis heute von der katarischen Regierung finanziell wie auch politisch unterstützt wird. Die bis dahin einseitig aus Propaganda-Sendern bestehende arabische Medienlandschaft wurde durch die oft kontroversen Berichte Al Dschasiras gründlich aufgemischt, und bot als nicht zensiertes Medium Informationen für bis zu 40 Mio Menschen täglich.

Al-Dschasira wurde schnell als kritischer Sender bekannt. Ob 2001, als man vom Leid der Bevölkerung in Kabul und Afghanistan erzählte, oder ab 2003 im Irak-Krieg, wo man mit sehr kritischer investigativer Berichterstattung den Ärger der US-Regierung auf sich zog. Im April 2003 wurde das Gebäude des Senders bei einem US-Luftangriff bombardiert – obwohl die Armee über die genaue Lage informiert war. Der Sender wurde bekannt als “Stimme der Machtlosen”, die sich trotz zahlreicher Sendeverbote nicht unterdrücken ließ und weiterhin Wahrheit und Aufklärung zu bringen versuchte.

Man kann das alles gut finden, doch man muss auch die Schattenseiten sehen. Populismus im Sinne der einfachen Menschen auf der Straße, subjektive statt objektive Berichterstattung, neutral ist Al Dschasira gewiss nicht. Zwar ist er der einzige arabische Sender, der – ganz im Sinne der katarischen Außenpolitik mit gutem Draht zu jedem – auch Isrealis zu Wort kommen ließ, deswegen steht man aber trotzdem fest auf Seiten der Palästinenser. Kritisch ja, aber wirkliche ausgeglichene Objektivität herrscht eben auch hier nicht.

Und nun also Ägypten. Schon bei den Protesten in Tunesien war Al Dschasira der einzige, durchgehend und breitgefächert berichtende Sender, der mit den besten und aktuellsten Bildern. Und diese Rolle, die Unterstützung der Bevölkerung auf der Straße nahm man auch in Ägypten ein. Sehr zum Missfallen Mubaraks, der den Sender noch nie leiden konnte.

“So viel Krach – aus solch einer Streichholzschachtel!”

Ein gefährlicher Faktor für den höchst unsicheren eigenen Machterhalt, befand der autokratische Präsident und ließ kurzerhand ein Sendeverbot für den Sender, und ein passendes Arbeitsverbot für die Journalisten beschließen. Gegenstände wurden beschlagnahmt, einige der Mitarbeiter festgenommen, nur um die Berichterstattung von den Straßen inklusive Unterstützung endlich zum Schweigen zu bringen.

Nicht, dass es viel genutzt hätte. Wenn der Sender nicht mehr arbeiten kann, dann verlässt man sich eben auf die Hilfe Anderer: Live-Blogs von Internet-Aktivisten, die mit aktuellen Videos und Infos von den Straßen gefüllt werden, und Augenzeugenberichte werden per Handy abgesetzt, um die Internetsperre zu umgehen, und bieten so eine hervorragende Plattform für Neuigkeiten.

Kein Zweifel, auch die Sperre des kontroversesten arabischen Senders wird Mubarak wohl nicht retten könne, zu angespannt ist die Stimmung in Ägypten. Alles, was der ägyptische Autokrat damit erreicht hat, ist seine eigenen Lügen über Pressefreiheit und anstehende Reformen zu entlarven. Denn die Wahrheit kann man nicht so leicht abschalten.

Das Biest