Der Rückzug des Dalai Lama: Neue Chance auf Verständigung?

Das Ende einer Ära naht: Der 14. Dalai Lama will seine Macht als Oberhaupt der tibetischen Exilregierung abgeben, um neue Chancen auf Verständigung mit China zu eröffnen. Doch wie stehen die Chancen?

Es ist das Ende einer Ära: Nach mehr als 60 Jahren will der 14. Dalai Lama sich aus dem politischen Leben der tibetischen Exilregierung im indischen Dharmsala zurückziehen, und seine Verantwortung an einen frei gewählten Vertreter übergeben. Mit dieser Beschränkung auf seine Funktion als geistiges Oberhaupt Tibets will er nicht nur zur weiteren Demokratisierung beitragen, sondern vor allem auch eine neue Chance zur Verständigung mit China schaffen.

Tatsächlich ist mangelnde Demokratie wohl eher weniger das Problem: Die chinesische Diktatur kann er damit nicht beseitigen, die tibetische Exilregierung hingegen besitzt seit dem 10. März 1963 ein recht demokratische Verfassung mit einem ebenfalls relativ starken Parlament, das den Dalai Lama als Staatsoberhaupt Tibets betrachtet.

Vielmehr ist es ein weiterer Wendepunkt im ereignisreichen Leben des 14. Dalai Lama, und wie viele andere auch wurde er von China bestimmt. Nachdem er gemäß dem traditionellen Verfahren als Reinkarnation des Vorgängers erkannt worden war, wurde Tendzin Gyatsho schließlich 1950 mit gerade einmal 15 Jahren weltlicher Herrscher Tibets. Im selben Jahr marschierte die Nationale Befreiungsarmee Chinas im Osten des Landes ein und brachte tibetische Repräsentanten dazu, einen 17-Punkte-Plan zu unterzeichnen, der im Oktober schließlich auch vom Dalai Lama anerkannt wurde. Danach besuchte er das Nachbarland mehrfach und baute Beziehungen zu Mao Zedong auf, die jedoch nichts daran änderten, dass China ihn und die Regierung zunehmend pietätlos behandelten und sich mehr und mehr ins innere Leben einmischten, woraufhin der Dalai Lama 1959 im Zuge des Tibetaufstands nach Indien fliehen musste.

Bis heute lebt er dort im Exil, gemeinsam mit mehreren Tausend geflohenen Tibetern, die das Land noch rechtzeitig verlassen konnten. In all den Jahren engagierte er sich nicht nur als geistiges Oberhaupt des tibetischen Oberhauptes, sondern auch für die Autonomie und die Rechte seiner Heimat. 1989 erhielt er dafür sogar den Friedensnobelpreis. Nur einer wollte diese Bemühungen nie anerkennen, nie wahrnehmen: China. Regierungen, die Kontakte zum 14. Dalai Lama pflegten, mussten stets mit Beleidigtsein und Verschlechterung der diplomatischen Beziehungen rechnen, so auch Angela Merkel vor einigen Jahren.

Und nun also der nächste Schritt des friedliebenden buddhistischen Oberhauptes Tibets, um den seit Jahrzehnten schwärenden Konflikt zu lösen. Nachdem China ihn nicht anerkennt, hofft er nun, durch seinen Rücktritt endlich Möglichkeiten zu Gesprächen zu eröffnen, die vielleicht etwas an der unerträglichen Situation ändern können. Dabei macht er nicht den Fehler, gleich die komplette Unabhängigkeit zu fordern, denn diese ist wohl unerreichbar. Stattdessen pocht er vor allem auf die Durchsetzung des 17-Punkte-Plans von 1951, der mit der Chinesischen Kulturrevolution gebrochen wurde, und der Tibet echte Autonomie innerhalb Chinas sowie echte Rechte und Freiheiten garantieren würde.

Auch historische wäre das wohl eine angemessene Lösung. Zwar hat Tibet 1913 seine Unabhängigkeit erklärt und alle notwendigen Voraussetzungen für einen Staat erfüllt, wurde also gegen das Völkerrecht annektiert, war jedoch vorher schon über Jahrhunderte ein autonomes Gebiet innerhalb Chinas, was Vorteile für beide Seiten brachte. Man darf auch China nicht als “den bösen Buben” darstellen, denn natürlich waren auch die Chinesen keine schlechten Menschen. Die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands von 1959 jedoch und die heutige Situation, insbesondere was Menschenrechte angeht, ist unerträglich, ohne dass man das Gefühl eines spürbaren Wandels haben müsste. China täte gut daran, dies zu erkennen und die ausgestreckte Hand des Dalai Lama zu ergreifen.

Das Biest