Die Paulskirche – Der Geburtsort der deutschen Demokratie

Sie ist eines der bekanntesten Symbole der Demokratie in Deutschland: die Paulskirche in Frankfurt. 1848 diente sie als Versammlungsort der ersten deutschen Nationalversammlung und wird seitdem als “Wiege der deutschen Demokratie” bezeichnet. Trotz ihrer teilweisen Zerstörung durch die Luftangriffe im zweiten Weltkrieg steht sie noch heute für diesen Titel.

Die Paulskirche

Deutschland, 1848: die Revolution zieht über das Land. Nachdem es der französischen Bevölkerung im Februar gelang ihren König abzusetzen und die zweite Republik auszurufen, greift die Idee der bürgerlichen Revolution auch auf den von den absolutistischen Mächten Österreich und Preußen dominierten deutschen Bund über. Von Baden ausgehend greift die Bevölkerung zu den Waffen und fordert das Ende des Absolutismus und einen deutschen Nationalstaat. Der Großteil der deutschen Fürsten muss sich dem Druck seiner Untertanen beugen und ihren Forderungen vorerst zustimmen, die wie folgt lauteten:

  1. Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Offiziere
  2. unbedingte Pressefreiheit
  3. Schwurgerichte nach dem Vorbild Englands
  4. sofortige Herstellung eines deutschen Parlaments

Um die 4. Forderung in die Tat umzusetzen, wurden in den Bundesstaaten Wahlen für eine verfassungsgebende Nationalversammlung anberaumt. Da für diese Versammlung eine Teilnehmerzahl von ca. 600 Personen angestrebt wurde, machte man sich auf die Suche nach einer geeigneten Räumlichkeit. Diese Suche war nicht einfach, da es auf deutschem Boden bisher keine Gehversuche in Sachen gesamtdeutscher Demokratie gab, es also ganz einfach an einem ausreichend großen Parlamentsgebäude mangelte.

Doch nach kurzer und intensiver Suche fand sich eine Lösung: die Paulskirche in Frankfurt am Main. Die 1833 anstelle der ehemaligen Barfüßerkirche errichtete Kirche war aus verschiedenen Gründen ideal für die Versammlung geeignet. Zum einen befand sie sich, dadurch dass Frankfurt zu dieser Zeit eine freie Reichsstadt war, außerhalb des Machtbereichs Preußens und Österreichs, zum anderen war sie aufgrund ihrer runden Bauform und Größe einem Parlamentsgebäude nicht unähnlich. Nach einer Anfrage beim evangelischen Gemeindevorstand (immerhin war die Kirche die evangelische Hauptkirche Frankfurts) erhielt man auch bald die Erlaubnis zur Nutzung der Kirche. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Innenraum umdekoriert, am Ende war nichts mehr von der ursprünglichen Funktion des Gebäudes zu erahnen. Anfang April 1848 tagte bereits das sogenannte Vorparlament, dessen Aufgabe es war die Wahlen zur Nationalversammlung vorzubereiten, welche im Laufe des nächsten Monats durchgeführt wurde. Wahlberechtigt war der männliche Teil der Bevölkerung. Gewählt wurden 585 Abgeordnete, die am 21. Mai zum ersten Mal in der Paulskirche zu einer Sitzung zusammen traten.

Die Nationalversammlung in der Paulskirche

Innerhalb der nächsten Zeit versuchten die Abgeordneten zusammen eine Verfassung für einen deutschen Nationalstaat zu erarbeiten. Doch die vielen verschieden Meinungen und Überzeugungen verzögerten diesen Prozess um wertvolle Monate. Währenddessen gelang es den absolutistischen Regierungen die Kontrolle in ihrem Land wiederherzustellen. Erst am 28. März 1849 stellte man einen Verfassungsentwurf vor. Da der österreichische Kaiser strikt gegen einen deutschen Nationalstaat war (er hätte die nicht deutsch-sprechenden Teile seines Landes aufgeben müssen), entschied man sich für eine kleindeutsche Lösung ohne Österreich. Doch der preußische König, dem man stattdessen die Kaiserkrone anbieten wollte, lehnte diese ab. Er wollte keine Krone die ihm vom Volk gereicht wurde, sondern bestand auf sein Gottesgnadentum.

Damit war das Ende der Revolution besiegelt. Die österrreichischen und preußischen Abgeordneten, die einen Großteil des Parlaments ausmachten, verließen die Nationalversammlung, die restlichen Abgeordneten wechselten ihren Sitzungsort und tagten von nun an in Stuttgart, wo sie nach kurzer Zeit gewaltsam zur Auflösung des Parlaments gezwungen wurden. Damit war dieser erste Versuch einer gesamtdeutschen Demokratie gescheitert, erst mit der Weimarer Republik kam es es zu einer Wiederbelebung dieser Idee.

Die Paulskirche wurde erst 1854, nach umfangreichen Renovierungsarbeiten an die Kirchengemeinde zurückgegeben. In der Zeit des deutschen Kaiserreichs diente sie vielfach als Veranstaltungsort, weiterhin wurden Teilnehmer der Nationalversammlung (überwiegend Befürworter einer starken Monarchie und Nationalisten) geehrt. Die Paulskirche stieg zum nationalen Gedenkstätte auf. Während der Zeit der Weimarer Republik stand die Kirche im Kreuzfeuer zwischen Demokraten, die die Kirche als Geburtsort der deutschen Demokratie für zahlreiche Veranstaltungen nutzten, und der evangelischen Kirche, der die Bevormundung durch den Staat in ihrer eigenen Kirche missfiel.

Der Innenraum der Paulskirche seit dem Wiederaufbau 1948

Im zweiten Weltkrieg kam es schließlich zur Katastrophe. Wie viele andere Städte Deutschlands wurde auch Frankfurt von den Alliierten massiv bombardiert. Die Paulskirche wurde am 18. März 1944 von mehreren Brandbomben getroffen und brannte komplett aus.  Nach Kriegsende sollte die Kirche als Zeichen des neuen deutschen Demokratieverständnisses schnell wieder aufgebaut werden, aufgrund geringer finanzieller Mittel wurde die Innenausstattung jedoch nicht rekonstruiert, sondern durch einen modern angehauchten Versammlungssaal ersetzt. Dieser liegt höher als der alte, im neuen Untergeschoss findet sich heute eine Ausstellung die über die Geschichte der Demokratie in Deutschland informiert. Seit dem Wiederaufbau befindet sich die Kirche nicht mehr im Besitz der evangelischen Landeskirche, sondern wird von der Stadt als Denkmal verwendet

Als John F. Kennedy die Kirche 1963 besuchte, äußerte er sich zu ihrer Geschichte folgendermaßen:

“Kein anderes Gebäude in Deutschland kann begründeteren Anspruch auf den Ehrentitel der Wiege der deutschen Demokratie erheben.”

Zwar kann man aufgrund der lieblosen Renovierung nichts mehr vom Geist dieses Titels spüren, dennoch handelt es sich bei diesem Gebäude um eines der wichtigsten der deutschen Geschichte, welches sicherlich einen Besuch wert ist, falls man einmal in Frankfurt verweilt. Ich war vor zwei Tagen dort und habe genau das getan.

Der Yeti

P.S.: Übrigens findet die Einteilung der politischen Strömungen in Links-Mitte-Rechts ebenfalls ihren Ursprung in der Nationalversammlung der Paulskirche. Die Abgeordneten, die aus allen Schichten der Bevölkerung gewählt wurden, saßen zu Beginn noch völlig ungeordnet im Saal. Erst nach kurzer Zeit fand man sich zu Gruppen mit gleicher Meinung zusammen. Am Ende kristallisierten sich drei Hauptströmungen heraus: die Konservativen die einen starken Nationalstaat mit einer starken monarchischen Führung forderten sammelten sich rechts vom Rednerpult, die Liberalen die eine konstitutionelle Monarchie forderten sammelten sich vor dem Rednerpult (also in der Mitte) und die, die eine Demokratie mit schwacher Exekutive und ohne Monarchen forderten, sammelten sich links vom Rednerpult. Diese Einteilung wurde nachdem sie einmal eingeführt wurde beibehalten, die Sitzposition ging als Bezeichnung der politischen Strömungen in den deutschen Wortschatz ein.