Eskalation in Libyen: Droht ein Bürgerkrieg?

Libyen brennt. In jeder Hinsicht. Nicht nur Verwaltungs- und Polizeigebäude in Städten wie Tripolis oder Bengasi stehen in Flammen, es brennt auch das Feuer der Revolution. Mehr als 40 Jahre lang hat das libysche Volk den despotischen “Revolutionsführer” Muammar al-Gaddafi erduldet, nun lehnt es sich mit aller Macht auf. Droht nun ein Bürgerkrieg?

Libyen brennt - Demonstranten zünden sogar das Parlament an

Libyen brennt. In jeder Hinsicht. Nicht nur Verwaltungs- und Polizeigebäude in Städten wie Tripolis oder Bengasi stehen in Flammen, es brennt auch das Feuer der Revolution. Mehr als 40 Jahre lang hat das libysche Volk den despotischen “Revolutionsführer” Muammar al-Gaddafi erduldet, nun lehnt es sich mit aller Macht auf.

Die Situation eskalierte endgültig am gestrigen Sonntag, als Militär und Polizei in die Menge der Demonstranten schossen, nach Angaben von Ärzten starben allein in Tripolis 60 Menschen, darunter angeblich sogar Kinder. Insgesamt wurden laut Human Rights Watch mehr als 230 Libyer getötet, der größte Teil von ihnen von Sicherheitskräften des Staates. Augenzeugen berichteten von Plünderungen, angesteckten Regierungs-, Verwaltungs- und Polizeigebäuden, selbst das Parlament wurde angezündet, brennenden Autos und Steinwerfern, aber auch von Tränengas und unzähligen Schüssen.

Doch nicht nur oppositionelle Bürger sind involviert, die Kreise reichen mittlerweile viel weiter. Einige Stammesführer schlugen sich auf die Seite der Demonstranten.

“Unser Stamm ist einer der größten Libyens, wir leben im Westen bei den Ölfeldern. Ich fordere Gaddafi und die Europäische Union hiermit auf, dieses Massaker zu stoppen. Wenn das nicht innerhalb von 24 Stunden geschieht, werden wir kein Öl mehr liefern. Unser Blut ist wichtiger als das Öl.”

So wurde es beispielsweise vom Führer des im Westen Libyens lebenden Stamm Al-Suwaija im Fernsehsender Al-Arabija verkündet. Auch Soldaten schlugen sich offenbar auf die Seite des Volkes und halfen mit, Bengasi in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand zu bringen. Gerüchten zufolge sollen sogar Milizen aus benachbarten Staaten wie Sierra Leone an den Kämpfen teilnehmen, womöglich sogar von der Regierung angeheuert.

All das lässt sich jedoch nur schwer bestätigen, da nur wenige überprüfbare Informationen nach außen dringen, nachdem Gaddafi ausländischen Journalisten einen Maulkorb verpasst und das Internet zumindest teilweise lahmgelegt hat. Verifizierbar ist hingegen die Reaktion der Regierung: Gaddafis Sohn verkündete im Fernsehen, dass die Schuld bei ausländischen Saboteuren liege, man gedenke aber, Reformen durchzuführen und über eine Verfassung zu diskutieren. Dass diese Ankündigung wahrscheinlich zu spät kommt, weiß er selbst und so erklärte er, sein Vater habe den Rückhalt der Armee und werde kämpfen, notfalls “bis zur letzten Kugel”.

Während die Staatsregierungen aus aller Welt das Geschehen aufs Schärfste verurteilen und ausländische Firmen ihre Mitarbeiter außer Landes bringen, eskaliert die Situation weiter. Der libysche Vertreter in der Arabischen Liga verkündete, er stünde auf der Seite des Volkes, der Justizminister trat aufgrund der Grausamkeit des Regimes zurück, ebenso wie andere libysche Botschafter im Ausland. Angeblich – so zeigt es ein Video – wurden sogar Soldaten ermordet, die sich weigerten, auf die Demonstranten zu schießen. Dann erklärten hohe islamische Geistliche den Protest gegen die Regierung zur religiösen Pflicht – faktisch soll sich damit jeder gläubige Libyer zum Protest verpflichtet fühlen.

Die Situation in Libyen steht auf der Kippe. Sollte Gaddafi – anders als manche Gerüchte behaupten – noch nicht außer Landes sein, kann man ihm nur empfehlen, die Gewalt durch die Sicherheitskräfte endlich zu unterbinden. Er kann seine Herrschaft nicht durch Gewalt retten, er kann das Ende nur hinauszögern und dafür umso blutiger machen. Mit jeder Minute wird es schlimmer – Bürgerkriegszustände sind nicht ausgeschlossen.

Gaddafi hat es in der Hand, viele Menschenleben zu retten, man kann nur hoffen, dass er wenigstens dieses eine Mal das Richtige tut.

Das Biest

Proteste in Libyen - Die Situation eskaliert