Frauen der Geschichte – Die Wegbereiterin der Sozialarbeit

Das 19. Jahrhundert war kein leichtes für die Frauen. Abgestempelt in feste Rollen, war es für sie oft schwer, etwas zu erreichen. Dennoch gab es jene, die sich durchsetzten, und unsere Geschichte beeinflussten. Eine von ihnen war die Sozialpolitikerin Marie Baum.

Das Grab von Marie Baum - der Wegbereiterin der deutschen Sozialarbeit

Es war nicht leicht für Frauen, das 19. Jahrhundert. Bürgerlicher Herkunft wurden sie oft als Hausfrauen abgestempelt, deren Lebensziel darin bestand zu heiraten und die Kinder großzuziehen. Aus der Arbeiterklasse stammend mussten sie hingegen neben dem Haushalt oft noch mitarbeiten, um die Familie zu ernähren, und litten unter dieser immensen Belastung. All das hat eine Frau miterlebt, von der ich euch heute erzählen möchte: Marie Baum, die Begründerin der deutschen Sozialarbeit.

Geboren wurde sie am 23. März 1874 in Danzig. Ihr Vater war Chefarzt des städtischen Krankenhauses, ihre Mutter hingegen engagierte sich in der Frauenbewegung, und so war es kein Wunder, dass nicht nur die Söhne, sondern auch die Töchter gefördert wurden. 1893 machte sie ihr Abitur – durfte jedoch zu dieser Zeit in Deutschland noch nicht einmal an der Universität studieren. So wich sie schließlich nach Zürich aus, wo sie Chemie studierte.

Zwischenzeitlich unterbrach sie ein Semester, um den schwerkranken Vater zu pflegen, promovierte aber dennoch schon mit 22 Jahren und beaufsichtigte zu dieser Zeit als Assistentin auch die Studenten an der Uni, hatte 60 Männer mühelos unter Kontrolle. Zugleich war es aber auch eine ihrer glücklichsten Zeiten, in der sie viele Freundschaften mit anderen Studentinnen schloss.

Nach kurzer Tätigkeit in einer chemischen Fabrik wurde sie schließlich 1902 zur ersten Frau im Amt des Gewerbeinspektors des Großherzogtums Baden. Während dieser Zeit lernte sie auch die unmenschlichen Bedingungen der Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen kennen, die unglaublich leiden mussten. Mit ihren Versuchen, diesen Menschen zu helfen legte sie zugleich den Grundstein für ihre soziale Arbeit.

„Ich habe zahlreiche Kinder weit unter dem Gesetz gezogenen Altersgrenze von 10 Jahren, wohl schon von 4 Jahren aufwärts, blass und krumm über ihre Arbeit gebückt gesehen … Die Arbeitszeit der Jugendlichen betrug ausschließlich der Pausen 10 Stunden; für die erwachsenen Männer gab es keinen Maximalarbeitstag …“

In den folgenden Jahren begann sie, sich für verschiedene Vereine und Institutionen zu engagieren, die allesamt im Bereich der Frauenförderung und sozialen Arbeit tätig waren, so der Verein für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege oder der Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge. 1917 trat sie schließlich eine neue Stelle an, als Leiterin der neugegründeten Sozialen Frauenschule und Sozialpädagogischen Instituts. Hier unterrichte sie nicht nur, sondern bildete die Schülerinnen auch praktisch aus, führte sie also in die Soziale Arbeit ein.

 

Sozialpolitikerin Marie Baum im Reichstag der Weimarer Republik

Ihr Durchbruch erfolgte dennoch erst mit dem Beginn der Weimarer Republik, als sie nicht nur als Abgeordnete der damaligen DDP im Reichstag saß, sondern sich auch jahrelang dem Aufbau der staatlichen Fürsorge widmete. Auf diese Art und Weise wurde sie zur Mitbegründerin eines staatlichen Sozialsystems, das unzähligen Menschen helfen konnte. Zeitgleich verfasste sie Bücher, hielt Vorträge in ganz Europa und gründete eine Akademie.

Es war die dunkle Zeit der deutschen Geschichte, die schließlich zum Abbruch ihrer Tätigkeit führte: Als Enkelin einer jüdischen Familie, ihre Großmutter war geborene Mendelsson Bartholdy, durfte sie keine ihrer vorigen Aufgaben mehr ausführen. Stattdessen begann sie sich aber nun anders zu engagieren, sie half Nicht-Ariern und Juden bei der Auswanderung aus Deutschland, entging nur knapp einer Entdeckung bei einer Hausdurchsuchung der Gestapo.

Als sie 1964 in Heidelberg starb, war sie eine der bedeutenden deutschen Frauen des 20. Jahrhunderts. Eine Frau, die sich von der Gesellschaft nicht eingrenzen ließ, sondern vielmehr ihren Teil dazu beitrug, diese zu verbessern. Zugleich wirkt ihr Lebenswerk in unserer heutigen Sozialen Arbeit immer noch nach.

Das Biest