Friedensnobelpreis für die EU – die richtige Entscheidung?

Seit am Vormittag die Verleihung des Friedensnobelpreises 2012 an die EU bekannt gegeben wurde, ist eine heftige Diskussion entbrannt. Nicht nur um die Angemessenheit der Entscheidung angesichts von Wirtschaftskrise und brechender Solidarität, sondern auch um die Leistungen der EU für den Frieden.
Flaggen der EU und ihrer Mitglieder vor dem EU-Parlament (Urheber: Jef132, CC-BY-SA-3.0, Quelle)

Seit am Vormittag die Verleihung des Friedensnobelpreises 2012 an die EU bekannt gegeben wurde, ist eine heftige Diskussion entbrannt. Nicht nur um die Angemessenheit der Entscheidung angesichts von Wirtschaftskrise und brechender Solidarität, sondern auch um die Leistungen der EU für den Frieden.

“und ein Teil an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat.” Mit diesen Worten seines im Jahr 1895 verfassten Testaments rief der schwedische Chemiker, Erfinder und Waffenhändler Alfred Nobel den Friedensnobelpreis ins Leben, der seither jährlich all diejenigen auszeichnet, die sich aktiv für die Befriedung der Welt einsetzen.

Ganze 92 Mal wurde die weltweit höchste Auszeichnung für Friedensbemühungen seither vom fünfköpfigen Norwegischen Nobelpreiskomitee vergeben. Darunter waren illustre Namen wie Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, oder der US-Bürgerrechtler Martin Luther King, zuletzt ging der Preis an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo (2010) und sowie an die Friedens- und Frauenaktivistinnen Ellen Johnson Sirleaf, Leymah Gbowee und Tawakkol Karman.

Und nun also die Europäische Union, eine Institution, ein Bund von 27 unabhängigen Staaten, dessen Image in der Weltöffentlichkeit zuletzt von Wirtschafts- und Schuldenkrise, Geldsorgen, Massenprotesten und zerbrechender Solidarität geprägt wurde. Kein Wunder also, dass schon wenige Minuten nach der Bekanntgabe, noch vor dem Ende der Verlesung der offiziellen Begründung, eine gewaltige Diskussion um die Angemessenheit der Entscheidung losbrach, vergleichbar mit dem Hype nach der Ehrung von Barack Obama 2009.

Weshalb wird die EU mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet?

Und immer wieder die Frage, was haben sich die Mitglieder des Nobelkomitees dabei nur gedacht? Offen stellen kann man die Frage allerdings nicht – zumindest aber wird man keine Antwort bekommen. Nicht nur sind alle Details über die Nominierten, den Auswahlprozess und die Entscheidung des Nobelpreises für 50 Jahre lang Geheimnis des jeweiligen Entscheidungsgremiums – vor allem aber äußern sich die Entscheidungsträger nach der offiziellen Bekanntgabe nicht mehr über ihre Gründe. Es bleiben viele Spekulationen auf Basis einiger Zeilen Erklärung:

“Die Union und ihre Vorgänger haben über sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden und Versöhnung beigetragen. Seit 1945 ist diese Versöhnung Wirklichkeit geworden. Das furchtbare Leiden im Zweiten Weltkrieg zeigte die Notwendigkeit eines neuen Europa. Über 70 Jahre hatten Deutschland und Frankreich drei Kriege ausgefochten. Heute ist Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar. Das zeigt, wie historische Feinde durch gut ausgerichtete Anstrengungen und den Aufbau gegenseitigen Vertrauens enge Partner werden können.”

Kritik an der Entscheidung des Nobelkomitees

Misst man die Leistungen  der EU, zuzüglich weiterer genannter Erfolge wie die Eingliederung der mittel- und osteuropäischen Staaten oder der Beitrag zur Stabilisierung des Balkans, an diesen Maßstäben, gibt es kein logisches Argument, den Friedensnobelpreis nicht als angemessen zu betrachten. Es sei denn man pflegt das Selbstbewusstsein unserer britischen Nachbarn, denen zufolge allein Briten und Amerikaner dem Kontinent Frieden gebracht hätten. Doch ohne deren Leistungen in Abrede stellen zu wollen, hätte das ganze wohl kaum funktioniert, wenn man nicht Hass und Zwietracht durch die Formierung einer starken und solidarischen Gemeinschaftüberwunden hätte.

Alfred Nobel (1833-1896)

Alfred Nobel (1833-1896)

Der beliebteste Kontrapunkt ist jedoch der Vergleich mit anderen Preisträgern im Stile von Mutter Theresa oder  Martin Luther King, gelegentlich sogar mit solchen, die den Preis leider nie erhielten wie Mahatma Gandhi. Dabei vergessen die Kritiker jedoch gerne eines: der Friedensnobelpreis war nie dazu gedacht, für eine bestimmte Art von Friedensleistung zu stehen, daher ist die große Zahl der Preisträger seit 1901 auch nicht untereinander zu vergleichen. Manche vollbringen historische Einzeltaten, andere vielleicht eine kontinuierliche Arbeit, die erst nach Jahrzehnten gewürdigt wird – zu behaupten, das Eine wäre größer als das Andere, würde jedoch immer den Geist hinter den entsprechenden Bemühungen herabsetzen, und gerade auf diesen sollte es bei einer so wichtigen Auszeichnung am Allermeisten ankommen.

Die richtige Entscheidung

Zuletzt kann man, auch auf Grundlage der Begründung des Nobelkomitees, die Auszeichnung gerade in diesem Jahr auch als Mahnung betrachten, dass das Projekt Geeintes Europa nicht durch Einzelstaatinteressen oder eine rein ökonomische Fixierung aller politischen Aktivitäten zerstört werden sollte. Das heißt nicht, dass es keinen Besserungs- oder Handlungsbedarf gebe, aber der Friedensnobelpreis zeichnet schließlich per Definition vergangene Leistungen und keine zukünftigen aus.

Zuletzt ein kleiner Gedanke zum Schluss: ohne die EU hätten vielleicht nur wenige von uns in dem friedlichen und freiheitlichen System leben können, dass wir heute genießen dürfen. Dafür, dass sich seit dem Ende des 2. Weltkrieges so viele mutige Männer und Frauen für dieses Konzept eingesetzt haben, und uns dadurch den dauerhaften Frieden ermöglicht haben, sollten wir wirklich dankbar sein.