Lebt Multi-Kulti?

“Multi-Kulti is tot”, erklärten der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer und die Bundskanzlerin Angela Merkel auf dem Tag der Jungen Union am Wochenende. Doch ist der Versuch, trotz kultureller Unterschiede friedlich auf rechtstaatlicher Basis zusammenzuleben, wirklich gescheitert? Oder lebt Multi-Kulti?

“Multi-Kulti ist tot.”

Mit diesen Worten spitzten sowohl Horst Seehofer, für seine Worte zum Thema Integration schon stark gerügt, als auch Angela Merkel ihre Reden zum Parteitag der Jungen Union zu. In ihren Grundsatzreden bekannten sie sich zu einer deutschen Leitkultur und lehnten Multi-Kulti demonstrativ ab, erklärten es nicht nur für gescheitert, sondern sogar für tot.

Ein Grund, sich die Frage zu stellen, ob sie überhaupt wissen, was Multi-Kulti eigentlich bedeutet. Vermutlich nicht, für sie ist es wohl eher eine Art ungeliebtes Fremdwort mit unangenehmem Beigeschmack. Unangenehm weltoffen und frei von einseitiger religiöser Bindung.

Nein, Herr Seehofer und Frau Merkel, Multi-Kulti bedeutet nicht, “so nebeneinander herzuleben”, und eigentlich nichts miteinander zu tun zu haben. Vielmehr bedeutet es, miteinander zu leben, aber ohne die Basis einer gemeinsamen Leitkultur, wie die Union sie fordert. Ein jeder hat seine Herkunft, seine Kultur und Religion, aber nicht auf strikte Art und Weise, sondern einfach als kulturelle Wurzel, die man pflegt, ohne sich deswegen von anderen Gesellschafts- und Religionsgruppen abzugrenzen.

In einem haben die beiden Recht: Man kann natürlich nicht nebeneinander herleben, ohne sich wirklich zu integrieren. Aber Integration ist nun eben nicht Assimilation. Migranten müssen sich zum ersten an die Gesetze des Landes halten, vor allem natürlich an das Grundgesetz und die Menschenrechte, selbst wenn das manchmal ihre zweifelhafte Aspekte ihrer Kultur (z.B. Zwangsheirat) beschneiden sollte. Zweitens müssen sie die Sprache des jeweiligen Landes möglichst fließend sprechend, und sich mit dem politischen und gesellschaftlichen System auseinandergesetzt haben. Und drittens müssen sie willens sein, sich und ihren Kindern die bestmögliche (Aus)Bildung zukommen zu lassen und selbstverständlich sich bemühen, eine sinnvolle Arbeit zu finden, um der Gesellschaft auch etwas leisten zu können.

Aber das ist auch schon alles. Was Migranten nämlich nicht müssen, ist einfach. Sie müssen sich nicht “an eine deutsche Leikultur mit christlich-jüdischer Prägung halten”, die es ihnen aufzwingt, ihre eigene Kultur aufzugeben. Es gibt in Deutschland ein Recht auf Religionsfreiheit wie auch auf das Recht, selbst über das Privatleben zu entscheiden, also welcher Kultur oder Lebenseinstellung man anhängt, im Rahmen der Gesetze natürlich.

Überhaupt ist es irrational zu behaupten, ausländische Migranten mit anderem kulturellem Hintergrund würden die deutsche Kultur zerstören. 1. Verändert haben wir unsere eigene Kultur selbst. Technischer Fortschritt, Aufklärung und Atheismus haben dazu beigetragen, dass gewisse, zum Teil auch schon verkrustete, gesellschaftliche Strukturen und Traditionen verloren gegangen sind.  Und 2. Können wir noch immer unsere Kultur pflegen. Ob Oktoberfest, Karnivalstraditionen, Weihnachten, christliche Festtage oder was auch immer, kein Migrant trägt dazu bei, solche Bestandteile unserer Kultur auszulöschen, und wird es auch jemals tun. Nur können wir den Einwanderern eben nicht vorschreiben, solche Traditionen mit uns gemeinsam zu pflegen, wenn sie nicht wollen.

Insgesamt kann man nur sagen, dass weder die Aussagen Seehofers noch die  Merkels besonders durchdacht oder sinnvoll waren. Vielmehr zielten sie wohl nur darauf, wieder Wählerstimmen aus dem rechten Lager einzufangen. Für mich persönlich eine sehr zweifelhafte Methode, um ein derart sensibles Thema anzusprechen. Wenn man Integrationschwierigkeiten vernünftig thematisieren will, kann man sowas jedenfalls nicht bringen. Selbst Teile des Unionslagers, die um die Notwendigkeit ausländische Fachkräfte wissen, beschwören deutsche Weltoffenheit.

Multi-Kulti ist nicht gescheitert, es ist vielmehr ein vielversprechender Ansatz für die Zukunft. Gemeinsam in Deutschland leben und den deutschen Staat voranbringen, aber ohne deswegen gleich die eigene kulturelle Identität zu verlieren, so sieht eine gute Zukunft aus. Multi-Kulti lebt!

Das Biest

  • Fabian

    Ich glaub da hat jemand die Frau Merkel etwas missverstanden. Es geht gar nicht um Assimilation, sondern dass Deutsch gelernt und unsere Gesetze akzeptiert werden. Und wer behauptet, es gäbe keine Probleme mit Integration und Integrationsunwilligen, der lügt.

  • Paul

    Was für ein Schwachsinn…

  • froanc

    Na aber selbstverständlich tragen Immigranten dazu bei, dass unsere Kultur immer mehr verloren geht.
    Die wenigsten Inder z.B. sprechen Fränkisch, essen häufig Schäufele und trinken gerne und viel gutes Bier.

    Und genau für diese Kultur beneiden und bewundern uns doch viele Ausländer, hauptsächlich aus den USA.

  • Das Biest

    Falls du dir den Artikel durchgelesen hast, dann weißt du, dass ich nie behauptet habe, dass es in Deutschland keinerlei Integrationsprobleme gibt.
    Und was die Kultur angeht: Vielleicht isst ein Inder kein Schäufele, trinkt nicht so gerne Bier und spricht kein Fränkisch, aber deswegen geht doch die Kultur nicht kaputt! Nur weil die nicht-fränkischen Inder bei uns leben, hören wir selbst doch nicht auf, unsere Kultur zu leben, wie wir wollen! Wenn wir unsere eigene Kultur weniger pflegen, dann hat das mit ausländischen Migranten herzlich wenig zu tun, denn das ist dann unsere eigene Entscheidung.

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