Ein Stern am Himmel der deutschen Literatur

“Judith Hermann formuliert in atmosphärisch dichter Prosa und mit großer sprachlicher Sicherheit das Lebensgefühl von Menschen, die in Liebe und Angst befangen, das wirkliche Leben verfehlen und das Scheitern der eigenen Lebenspläne mehr melancholisch beobachten als trauernd erleben.” (Bettina Albert)

» Wir haben eine neue Autorin bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein. «  Marcel Reich-Ranicki

Dieses Zitat des berühmten Literaturkritikers trug maßgeblich bei zum Ruhm von Judith Hermann bei, wahlweise gelobt als “Sound einer neuen Generation” oder Star der jungen deutschen Literatur. Schon ihr erstes Buch Sommerhaus, später, 1998 veröffentlicht, hat die 1970 geborene Autorin und Journalistin berühmt gemacht. Ihr Sammlung von 9 Kurzgeschichten avancierte fast schon über Nacht zu einem Bestseller – über 250.000 Mal verkauft und in 17 Sprachen übersetzt. Doch mit dem Erfolgsdruck umzugehen, war wie sie selbst zugab, nicht leicht und so war es nicht nur die Geburt ihres Sohnes, weswegen ihr zweites Buch Nichts als Gespenster, diesmal gefüllt mit 7 etwas längeren Kurzgeschichten, fünf Jahre auf sich warten ließ. Im letzten Jahr erschien nun ihr neuestes Werk: Alice. Obwohl viele von ihr schon lange einen Roman erwarten, blieb sie auch mit diesem Buch bei ihrem liebsten Genre, den Kurzgeschichten.

Kurzgeschichten, das Wort hat für viele einen eher unangenehmen Klang. Nachkriegsliteratur, Schullektüren und Interpretationen sind Dinge, die man damit verbindet. Doch Judith Hermann zeigt, dass Kurzgeschichten noch viel mehr sind. Sie mögen handlungsarm sein, und gerade in ihrem Fall aufgrund der wenigen Informationen schwer zu interpretieren, dennoch geht vielleicht gerade deswegen ein besonderer Reiz von ihnen aus.

Anlässlich der Laufer Literaturtage war es mir vergönnt, eine ihrer Lesungen mitzuerleben, und obwohl ich früher nie ein Fan von Kurzgeschichten war, war ich begeistert. Wenn Judith Hermann vorliest, liest sie relativ schnell und fast monoton, doch gerade das erweckt ihre Geschichten zum Leben. Ihre Sprache hat eine hohe Intensität, ist leicht und rhythmisch, auf eine schwer zu beschreibende Art und Weise klangvoll. Ohne diese klangvolle, aber nichtsdestotrotz natürliche Sprache, wie auch ihre ständig mit einfließenden, kurzen aber detailgenauen Beschreibungen, die unglaublich viel Atmosphäre transportieren, wären ihre Geschichten wohl nicht so mitreißend.

So auch bei Alice, dem Werk, aus dem die Autorin am Mittwoch in Lauf vorlas. Eine Sammlung von Kurzgeschichten unter der Protagonistin Alice, die vor allem vom Sterben handeln. Vom Sterben, aber nicht von den Toten, sondern von dem was bleibt, von den Menschen, die zurückbleiben und ihre eigene Weise finden müssen, um weitergehen, weiterleben zu können. Die Geschichten haben oft etwas melancholisches, trauriges, fast düsteres, doch wenn man sie auf sich wirken lässt, spürt man auch die Helle darin.

Die Vorlesung war ein nachdenkliches, außergewöhnliches, aber auch sehr schönes und mitreißendes Erlebnis. Neben dem Kennenlernen einer ganz neuen Seite der Literatur, erfuhr man auch sehr viel über die Autorin selbst, ohne dass man das Gefühl haben musste, zu tief in ihre Privatsphäre eingedrungen zu sein. So erzählte sie, dass der Ausgangspunkt einer jeden Geschichte ein Satz ist. Irgendein zufällig gehörter Satz, der für die eine tiefere Bedeutung gehabt hatte, der sich ihr eingeprägt hatte, und für den sie irgendwann eine Geschichte entworfen hat. Eine Geschichte, in der dieser Satz gesagt wird, oft ganz nebenbei und versteckt, aber dennoch tragen. Verraten will sie diese Ausgangssätze aber nicht.

Es war eine wunderbare Lesung, die mir trotz aller Melancholie die Augen geöffnet hat. Geöffnet hat für eine andere Sichtweise auf Kurzgeschichten, aber auch auf die Welt und das Leben. Allen, die es verpasst haben, sie zu hören, kann ich nur, auch wenn es vielleicht Schleichwerbung ist, empfehlen, sie auf der im Text verlinkten Seite der Laufer Literaturtage als Podcast herunterzuladen – bevor sie aus verlagsrechtlichen Gründen in circa zwei Wochen leider wieder aus dem Netz genommen werden muss.

Das Biest

Alice - Das aktuelle Werk der Autorin Judith Hermann